Ricarda Essrich

7 Tipps, wie Sie gute Übersetzer finden

8. Juli 2013 | (7) Kommentare

Gerade in der Baubranche - und das kenne ich von meinen Kunden - muss eine Übersetzung meist sehr schnell gehen. Der Unternehmer erfährt von einer interessanten Ausschreibung in Schweden, lädt sich die notwendigen Unterlagen herunter und hat dann meist bis zur Angebotsabgabe nur wenige Tage Zeit. Die Unterlagen sind auf Schwedisch, eine Übersetzung muss also her. Doch wo bekommt der Unternehmer die her?

Die erste Anlaufstelle bei der Übersetzersuche wird vermutlich Tante Google sein. "Übersetzung + Schwedisch" als Keywords geben haufenweise Einträge (schön für den, der durch geschicktes Suchmaschinenmarketing seine Website ganz nach vorne gebracht hat). Doch wie erkennt der Unternehmer in der Fülle der Einträge, welches Übersetzungsbüro am besten geeignet ist, qualifiziert und professionell?

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Dafür habe ich eine kleine Tippliste erstellt:

1. Berufsverbände

Die meisten Übersetzerverbände verfügen über Verzeichnisse ihrer Mitglieder, aufgeschlüsselt nach Sprachrichtungen, die Sie oft über die Website einsehen können. Meist erhalten Sie hier auch zusätzliche Informationen über Fachgebiete und Qualifikationen wie Beeidigungen etc. Übersetzerverbände wählen meist über strenge Aufnahmekriterien ihre Mitglieder aus, Sie können also davon ausgehen, dass die in den Verzeichnissen aufgeführten Übersetzer zumindest den Ansprüchen des Verbandes an Professionalität und Leistung genügen.

Verbände sind z. B.:

  • BDÜ (Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer, www.bdue.de)
  • VDÜ (Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke (www.literaturuebersetzer.de)
  • ADÜ (Assoziierte Dolmetscher und Übersetzer in Norddeutschland e.V., www.adue-nord.de)
  • DVÜD (Deutscher Verband der freien Übersetzer und Dolmetscher e.V., www.dvud.de)
  • VÜD (Verband der Übersetzer und Dolmetscher Berlin e.V., www.vued.de)
  • ATICOM (Fachverband der Berufsübersetzer und Berufsdolmetscher e.V., www.aticom.de)

2. Fachgebiet

Viele professionelle Übersetzer haben sich auf ein oder mehrere Fachgebiete spezialisiert, d. h. auf Themengebiete, in denen sie sich besonders gut auskennen. Schauen Sie daher unbedingt, ob Sie einen Übersetzer finden, der sich auf den betreffenden Bereich (z. B. Straßenbau, Brückenbau, Hydraulik etc.) spezialisiert hat. Der Vorteil liegt auf der Hand: Der spezialisierte Übersetzer kennt Fachterminologie, Arbeitsweisen und Prozesse seines Fachgebiets, er muss daher weniger recherchieren und nachschlagen und gleichzeitig gewährleisten, dass Ihr Text fachgerecht übersetzt wird. Auch wenn Sie nicht einen ausgewiesenen Spezialisten finden, erkundigen Sie sich vor Auftragsvergabe, ob der Übersetzer in der Lage ist, den Text zu übersetzen. Dazu senden Sie ihm am besten einen Textauszug oder gleich den gesamten Ausgangstext. Denn nur auf dieser Basis kann (und sollte) der Übersetzer entscheiden, ob er fachlich geeignet ist, diesen Text zu übersetzen.

3. Beispieltext

Ein professioneller Übersetzer wird Sie in aller Regel von sich aus schon nach einem Beispieltext fragen, bevor er ein Angebot abgibt, um einschätzen zu können, wie viel Arbeitsaufwand die Übersetzung mit sich bringen wird. Es ist also auch in Ihrem Interesse, dass Sie ihm diesen Text auch zur Verfügung stellen, damit Sie ein realistisches Angebot erhalten.

4. Muttersprachenprinzip

Ich bin ein Verfechter des Muttersprachenprinzips. Meiner Meinung nach kann ich als Übersetzer (außer wenn ich zweisprachig aufgewachsen bin oder schon sehr lange im jeweiligen Land lebe) die beste Qualität liefern, wenn ich nur in meine Muttersprache übersetze. Achten Sie also darauf, dass ein Übersetzer vom Schwedischen ins Deutsche deutscher Muttersprachler ist. Natürlich ist das nicht ganz pauschal und rigoros einzuhalten; es gibt durchaus Übersetzungen (wie Tabellen, Formulare etc.), die auch von Nichtmuttersprachlerin fachmännisch übersetzt werden können. Doch je komplexer oder stilistisch ausgereifter der Text ist, desto bessere Ergebnisse werden Sie von einem Muttersprachler erhalten.

5. Referenzen

Gerade wenn Sie eine Übersetzung in einem bestimmten Fachgebiet suchen, kann ein Blick in die Referenzen des potenziellen Übersetzers ganz nützlich sein - so er Sie Ihnen zur Verfügung stellt oder vielleicht gar auf seiner Website präsentiert. Schauen Sie, für welche Kunden er schon gearbeitet hat. Stammen diese aus Ihrer Branche? Vielleicht haben Sie auch die Möglichkeit, sich bei Kollegen zu informieren.

6. Vier-Augen-Prinzip

Inwiefern das Vier-Augen-Prinzip ein Muss ist, dazu gibt es ganz unterschiedliche Meinungen. Sicher ist: Übersetzer sind auch nur Menschen, und Menschen machen Fehler. Da ist es gut, wenn die Übersetzung am Ende noch einmal jemand prüft. Viele Agenturen arbeiten ausschließlich nach dem Vier-Augen-Prinzip, d. h. mit grundsätzlich 2 Übersetzern am gleichen Text. Eine solch gewissenhafte Einstellung zeugt von Professionalität. Auch ich überprüfe Übersetzungen, die ich bei anderen Übersetzern beauftrage, grundsätzlich selbst, bevor ich sie an den Kunden verschicke. Schließlich liegt es in meinem Interesse, dass ich gute Qualität abliefere und der Kunde zufrieden ist.

7. Der Preis

Der Preis sollte nach Möglichkeit kein Auswahlkriterium sein - ist es aber leider oft. Aus unternehmerischer Sicht verständlich, aber meist recht kurzsichtig betrachtet. Billig ist nicht zwangsläufig schlecht, und teuer ist nicht zwangsläufig gut. Der Übersetzermarkt ist (vor allem bei den vier "großen" Sprachen Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch) hart umkämpft. Und es sind normale Marktprozesse, dass mit steigendem Angebot die Preise fallen.
Übersetzungen werden oft nach Wörtern, Zeilen oder Seiten berechnet. Für Sie als Kunde bietet das eine hervorragende Transparenz, Sie können anhand dieser festen Größen sofort kalkulieren, was die Übersetzung Ihres Ausgangstextes kosten wird. Auf der anderen Seite fehlen Ihnen vermutlich die Vergleichswerte. Stundensätze können Sie besser einordnen (z. B. im immer wieder gerne herangezogenen Handwerkerstunden-Beispiel).

Nicht selten werden meine Angebote als zu hoch im Vergleich zur Konkurrenz abgelehnt. Und es ist nicht etwas so, dass ich Wucherpreise kalkuliere oder sie wahllos nach oben schraube. Meine Preise basieren auf einem Mindeststundensatz, den ich einnehmen muss, damit mein Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich ist. Über Erfahrungswerte weiß ich, wie viele Wörter/Zeilen/Seiten ich ungefähr pro Stunde schaffen kann, so errechnet sich also mein Wort-/Zeilen-/Seitenpreis.
Und übrigens: Nicht selten erhalte ich später den Auftrag doch noch, weil der Kunde sich zwar für das günstigere Angebot entschieden hatte, hinterher aber mit der Qualität der gelieferten Übersetzung nicht zufrieden war.

Wenn Sie bei der Auswahl eines Übersetzers die sechs Kriterien vorher berücksichtigt haben, können Sie sicher sein, eine qualitativ hochwertige und preiswerte Übersetzung zu erhalten - im tatsächlichen Wortsinne eine Übersetzung, die ihren Preis wert ist.

 

 

Bild: segovax  / pixelio.de

 

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Kommentare

Den Ausführungen zum Muttersprachenprinzip kann ich zwar prinzipiell, nicht aber im genannten Beispiel folgen. Der Bauunternehmer will auf eine Ausschreibung anbieten? Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er auch sein Angebot übersetzen lassen muss, und es wäre effizient, denselben Übersetzer, der auf die Ausschreibung schon eingearbeitet ist, dafür zu bemühen. Der hat aber nach diesem Prinzip eine erstklassige Übersetzung ins Deutsche abgeliefert und kann jetzt nur eine zweitklassige ins Schwedische leisten. Da scheint mir sinnvoller, die Ausschreibung (für mich) wäre zweitklassig aber immerhin ausreichend übersetzt, und mein Angebot (für den Kunden) perfekt.

Thomas Arbs am Montag, 08. Juli 2013 um 03:34 PM

Das ist richtig, daher habe ich versucht, das Muttersprachenprinzip auch ein wenig einzuschränken. Gerade bei Ausschreibungen gelten oft andere Qualitätsrichtlinien, da heißt es dann: “Wir müssen nur wissen, was drinsteht.”
Was Effizienz und die Übersetzung von Ausschreibung und Angebot aus einer Hand angeht: Ich habe bisher noch nie von einem Kunden, von dem ich mit der Übersetzung einer Ausschreibung beauftragt wurde, auch den Auftrag bekommen, das Angebot zu übersetzen. Und ich biete ja (zusammen mit meinen muttersprachlichen Kollegen) durchaus Übersetzungen in die skandinavischen Sprachen an und habe das auch schon für diese Kunden getan, sie wissen also um meine Dienstleistungen.
Ich denke, in der Regel steht gerade bei Ausschreibungen nur eins im Mittelpunkt: das Tempo. Es muss einfach wahnsinnig schnell gehen. Und ich behaupte jetzt einfach mal ketzerisch, dass ich als Muttersprachler schneller bin als ein Nichtmuttersprachler (lasse mich da aber auch gerne eines Besseren belehren).
Danke aber für den Denkanstoß, ich sollte wirklich mal recherchieren, wie die Kunden nach Erhalt der übersetzten Ausschreibung mit ihren Angeboten verfahren.

Ricarda am Dienstag, 09. Juli 2013 um 10:02 AM

Hallo ihr,

Also erst einmal vorne weg, Muttersprachler eignen sich als Übersetzer für “normale” Texte (in meinen Augen). Wenn es aber um rechtliche Texte geht, oder generell um Texte, die auf Unternehmensebene sehr wichtig sind, so habe ich die Erfahrung gemacht, sind Muttersprachler meist überfordert. Denn es gehört mehr dazu einen richtigen Ton zu treffen, wenn man z.B. einen Vertrag übersetzen lassen muss, als nur die Sprache zu können. Daher bin ich der Meinung, dass professionelle Übersetzungsbüros für solche Aufgaben schon die bessere Wahl sind. Denn wenn so ein Vertrag nicht richtig übersetzt wird, kann das im Nachhinein wesentlich mehr Kosten verursachen, als wenn man schon von vorne rein den Text professionell übersetzen lässt.

Jochen Heider am Freitag, 30. August 2013 um 12:55 PM

Hallo Jochen,
wahrscheinlich ist es nicht so gemeint, aber Deine Formulierung klingt so, als gäbe es entweder muttersprachliche ODER professionelle Übersetzer. Für mich wird nur in der Kombination ein Schuh draus: Muttersprachler UND Profi in dem Fachgebiet.
Ich würde meine Stammübersetzerin für Schwedisch, mit der ich viel Technisches mache, nicht mit der Übersetzung eines Vertrags beauftragen.
Und auf die Notwendigkeit, unbedingt einen spezialisierten Übersetzer mit spezialisierten Texten zu beauftragen, habe ich ja in Punkt 2 hingewiesen. Das Muttersprachenprinzip kommt da noch obendrauf.

Ricarda am Freitag, 30. August 2013 um 01:05 PM

Hi ihr :)

Ich glaube, dass muttersprachliche Übersetzer mitunter noch die beste Arbeit abliefern können. Übersetzung ist ja nicht gleich Übersetzung. Eine gute Übersetzung ist nicht Wort für Wort übersetzt sondern übermittelt die Botschaft. Wenn ein Werbetext in der deutschen Sprache sehr lebendig klingt und einfach ins Englische übersetzt wird, dann kann das mitunter sehr trocken und steif klingen. Doch die englische Sprache ist genau das eigentlich nicht.
Daher würde ich auch ein Übersetzungsbüro mit Muttersprachler empfehlen.
http://www.Lennon.de  ist z.B eins die werben mit fest angestellten Muttersprachlern.

Katharina am Freitag, 15. August 2014 um 09:13 AM

Aufschlussreicher Artikel, hinsichtlich der Punkte “Muttersprachenprinzip” und “Vier-Augen-Prinzip” möchte ich ergänzen, dass zum Beispiel in der Sprachkombination Deutsch->Englisch nicht sehr viele Muttersprachler arbeiten, die so gut übersetzen können, wie ein deutscher gut ausgebildeter Übersetzer, der einige Jahre im englischsprachigen Raum gelebt hat.
Beim Vier-Augen-Prinzip muss man wissen, dass der Zweitleser, sofern die Übersetzung gut ist, nur halbherzig drüberschaut, wenn nicht bestimmte Mechanismen eingerichtet werden, die dafür Sorge tragen, dass der Korrektor selbst einer gewissen Kontrolle unterliegt.

Frank am Montag, 27. Oktober 2014 um 08:48 AM

Hallo Frank, ich kann den Markt für DE-ENG nicht beurteilen, und ich will auch nicht absprechen, dass deutsche Muttersprachler u.U. besser sind, vor allem wenn es um Fachkenntnisse geht.
Mein Tipp richtet sich aber ja vor allem an Unternehmen, die wenig bis keine Erfahrung bei der Suche nach Übersetzern haben. Und da kann das Muttersprachenprinzip zumindest ein Denkanstoß sein. Denn oft wissen “Laien” einfach nicht, dass das wichtig sein kann. Wie oft bin ich schon von Endkunden mit großen Augen angesehen worden, wenn ich gesagt habe, dass ich Übersetzungen in die skandinavischen Fremdsprachen nur mit Muttersprachlern anfertige ... Der Tipp soll lediglich Bewusstsein dafür schaffen, dass nicht jeder, der Schwedisch/Englisch gelernt hat, auch in diese Sprache übersetzen kann. Da ist Muttersprachenprinzip sicher nicht Pflicht, aber hilfreich.

Ricarda am Montag, 27. Oktober 2014 um 09:25 AM

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