Ricarda Essrich

Carmen Winter: Der König und die Gärtnerin

1. September 2010 | (0) Kommentare

Szenen einer Ehe – das fiel mir nach den ersten Kapiteln von „Der König und die Gärtnerin“ ein. Was Carmen Winter hier in wunderschön märchenhaftem Stil beschreibt, sind Höhen und Tiefen, Freud und Leid, Streit und Versöhnung, kurz: der Alltag einer recht gut funktionierenden Ehe, die bis ins hohe Alter hält. Die Akteure dieses Märchens sind ein König, dickköpfig, den angenehmen Dingen des Lebens zugetan und regierungsfaul, nicht gerade ein Dummkopf, aber eben auch nicht ein, sagen wir mal, Denker, bei weitem nicht ohne Fehl und Tadel, leicht verführbar, und eine schöne Gärtnerin, klug, bescheiden, mit einem sehr freundlichen, gutherzigen, warmen Wesen; eine Frau, die viel verzeiht, manchmal auch viel wegstecken muss, treu zu ihrem Mann hält und ihn bis in den Tod begleitet. Die Gärtnerin bezaubert den König von Beginn an, und er bittet sie, als seine Frau zu ihm zu kommen, doch nur unter der Bedingung, dass sie ohne irgendetwas zu ihm kommt, nackt und die Vergangenheit hinter sich lassend. Die Gärtnerin willigt ein, doch die beiden müssen im Laufe ihrer Ehe feststellen, dass kein Mensch seine Vergangenheit einfach abstreifen kann wie einen Mantel. Was sie während ihrer Ehe erleben, sind Ereignisse, wie man sie in vielen Ehen sehen kann, in guten wie auch in weniger gut funktionierenden. Da ist die Rede von Betrug, von unehelichen Kindern, von Geben und Nehmen, vom Ausbrechen aus den festen Strukturen, von Streit, Krankheit, Schuld; von Liebe und Gemeinsamkeit. Manch eine Beziehung hätte die Belastungen, denen diese Ehe ausgesetzt ist, nicht überstanden, wäre daran zerbrochen. Doch schließlich handelt es sich bei Carmen Winters Buch um ein Märchen, und wenn wir eines erwarten von einem Märchen, dann dass es gut ausgeht. Und so geschieht es denn auch. Der König und die Gärternin werden gemeinsam alt, trotz aller Schwierigkeiten, denen sie während ihrer Ehe begegnen. Und zwar „bis dass der Tod sie scheidet“. Die Figuren sind nicht ausschließlich in Schwarz und Weiß gehalten, es gibt kein Gut und Böse; und doch hatte ich manches Mal das Gefühl, die Gärtnerin trägt und erträgt die Launen und Fehltritte ihres Mannes mit mehr Geduld und Liebe und Fürsorge, als eine Frau im realen Leben es vielleicht getan hätte. Carmen Winter verwendet eine einfache, bildreiche, eben märchenhafte Sprache und lässt den Leser dadurch vergessen, dass er – statt in das Schloss eines Königs von Irgendwo – auch durch das Guckloch einer Tür von Familie Müller schauen könnte. Sie entführt in eine bezaubernde Welt und hinterlässt das in mir das Gefühl, dass es manchmal vielleicht hilfreich sein könnte, seine Probleme mit einer märchenhaften Einfachheit zu betrachten. Fazit: Ein schönes Buch für gemütliche Stunden und einen Ausflug in die Kindheit, in der man sich von Märchen verzaubern ließ und dadurch die graue Realität für eine Weile vergessen konnte. Einziges Manko – zumindest für mich aus Lektorensicht: Dem Buch hätte ein abschließendes Korrektorat gut getan.

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