Ricarda Essrich

Es herrscht ein rauer Ton in der Übersetzerbranche

21. Januar 2010 | (0) Kommentare

Über das grandiose Netzwerk Texttreff wurde neulich der Hinweis zu einem Jobangebot gepostet, das jetzt für kontroverse Diskussionen sorgt. Die Anzeige richtet sich an Übersetzer, die "über sehr gute Deutschkenntnisse" verfügen und "in ihre Muttersprache" übersetzen. Es folgt die übliche Beschreibung von Position und Anforderungen an die Bewerber. Als P.S. ist dann aber zu lesen: "Rechtschreibfehler in Ihrer Bewerbung und Ihren Unterlagen disqualifizieren Sie automatisch." Ist es richtig, so etwas in eine Stellenausschreibung aufzunehmen? Dass Bewerbungen mit Rechtschreibfehlern vor allem in der sprachverarbeitenden Branche keinen guten Eindruck machen und sicherlich nicht förderlich sind für das weitere Vorankommen im Auswahlverfahren sind, versteht sich von selbst. Ich selbst würde als Personalverantwortlicher wahrscheinlich auch zucken, wenn ich Bewerbungen mit Fehlern lesen müsste. Wie meine Kollegin Sabine Faltmann richtig schreibt: "Soll ich jedes Schreiben, das die machen und das an meine Kunden rausgeht, vorher Korrektur lesen? Die machen ja mein Image kaputt, das sehr viel auf "hohe Qualität" baut." Klar, Fehler in der Bewerbung zeugen nicht gerade von einer Eignung für den Job, nicht in dieser Branche. Aber: Muss das wirklich so derbe formuliert werden? Hat das nicht eher im Gegenteil zur Folge, dass viele sich gar nicht erst bewerben, auch diejenigen, die eigentlich der deutschen Rechtschreibung mächtig sind? Und wie sieht das dann später bei einer Zusammenarbeit aus? Sind Tippfehler in einem Anschreiben vielleicht schon ein Kündigungsgrund? Ich finde, der Ton macht hier die Musik und ist vielleicht schon ein Hinweis auf das spätere Geschäftsgebahren, das dieses Unternehmen an den Tag legt. Und eines darf man sicher nicht außer Acht lassen: Die Anzeige richtet sich nicht an deutsche Übersetzer, sondern Muttersprachler aus anderen Sprachen. Sie werden ihre Bewerbung in einer "Fremd"-Sprache formulieren. Ich selbst bin Übersetzerin für Schwedisch; und gleichwohl ich meine, sehr gute Kenntnisse der Sprache zu haben, will ich nicht ausschließen, dass sich in meinen Briefen auch mal ein Rechtschreibfehler einschleicht. Ist das für meinen Kunden dann gleich ein Grund, die Rechnung zu kürzen?

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