Ricarda Essrich

Fettnäpfchenführer: Schweden

9. August 2011 | (0) Kommentare

Entsprechend meiner persönlichen und beruflichen Leidenschaft habe ich mir zuerst den Fettnäpfchenführer für Schweden vorgenommen. Das Konzept Familie Müller macht Urlaub in Schweden und lässt dabei kein Fettnäpfchen aus. Anhand kleiner Episoden wird geschildert, was Familie Müller falsch gemacht hat, wodurch sie angeeckt ist und wie sie sich besser hätte verhalten können. In einem zweiten Teil ist Familie Müller zwischenzeitlich nach Schweden ausgewandert, doch auch mehrere Jahre Urlaubserfahrung in dem skandinavischen Land können nicht verhindern, dass sie vor allem im Berufsalltag immer wieder mal ein Fettnäpfchen erwischen. Der dritte Teil schließlich ist nach Stichwörtern sortiert, damit man in brenzligen Situationen schnell mal nachschlagen kann. Das Buch Die Müller lassen wirklich nichts aus. Das ist schon ein wenig anstrengend zu lesen, aber nicht unrealistisch, jedenfalls wenn ich meine Erfahrungen mit deutschen Touristen (und ich zähle mich nach 25 Jahren hier nicht mehr dazu) betrachte. Und es gibt schließlich so viel zu beachten. In Schweden geht es ziemlich gemütlich zu. Das liegt vor allem am sogenannten "Jantelagen", einer Art Code, der den Umgang miteinander regelt: Alle sind gleich, niemand ist gleicher. Diese Devise zeigt sich immer und überall im Umgang mit den Schweden. Ob man im Supermarkt an der Kasse steht, im Auto auf der Straße unterwegs ist, ob man in einem Meeting mit Kollegen und Chefs sitzt oder zum Abendessen bei Freunden eingeladen ist. Niemals sollte man den Eindruck vermitteln, man fühle sich als etwas Besseres, niemals sollte man versuchen, einen anderen zu übertrumpfen. Alles schön der Reihe nach, alles schön in Reih und Glied, ordentlich. Der deutlichste Ausdruck dieser Einstellung ist sicher die Tatsache, dass alle Menschen ungeachtet der Position oder des Alters mit "Du" anreden. Man liegt allerdings falsch, wenn man meint, dies sei Ausdruck einer sehr persönlichen Beziehung zueinander. So beschreibt es die Autorin des Fettnäpfchenführers für Schweden Delia Kübeck, und so erlebe ich es auch hier in Schweden. In der Post werden Nummern gezogen, damit sich niemand in der Schlange vordrängeln kann; über die berufliche Stellung oder gar das Einkommen wird nur wage gesprochen, um bloß niemand zu beschämen, und überhaupt sind alle höflich und zuvorkommend und äußern nur selten Kritik oder Unmut. Auch wenn man ein Fettnäpfchen erwischt hat, wird man damit nur selten konfrontiert werden. Eben das macht allerdings auch schwierig, die Schweden richtig einzuschätzen und Freundschaften zu schließen. Vor allem sind die Schweden aber eins: sehr stolz auf ihr Land. Und man sollte nicht unterschätzen, wie groß das Fettnäpfchen ist, wenn man es wagt, Land, Leute, System oder gar das Königshaus zu kritisieren oder sich darüber lustig zu machen. Wie gesagt: Familie Müller lässt dahingehend gar nichts aus. Allerdings muss man ihnen zugute halten, dass sie lernfähig sind und dasselbe Fettnäpfchen nur selten zweimal erwischen. Dennoch: Die vier Müllers wirken auf mich (die ich deutsche Touristen in Schweden immer wieder erlebe) leider unsympathisch, die Figuren wirken arg künstlich, und es fällt mir schwer, mich mit ihnen zu identifizieren. Überflüssig finde ich den dritten Teil. Ich mag mich irren, aber meiner Meinung nach würde niemand auf die Idee kommen, vor einer Essenseinladung in einem schwedischen Haushalt zuerst in den Fettnäpfchenführer zu schauen und unter dem Stichwort "Besuch bei Schweden" nachzuschlagen. Davon abgesehen werden viele Aspekte wiederholt, die schon in den ersten beiden Buchteilen vorkommen. So wecken die Erläuterungen nach Stichwörtern eher den Eindruck, man habe noch zusätzliche Seiten füllen müssen. Mein Fazit Den Fettnäpfchenführer Schweden kann ich als Vorbereitung auf einen Urlaub in Schweden oder auf Schweden als zukünftiges Heimatland auf jeden Fall empfehlen; es läuft im Land von Astrid Lindgren und Ikea eben doch nicht alles genauso wie in Deutschland. Eine kurzweilige und lehrreiche Lektüre. Die etwas fantasielose Familie Müller und das Stichwortverzeichnis geben allerdings leichte Abzüge in der B-Note.

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