Ricarda Essrich

Gastbeitrag: Von Kristallen, Hüten und Inspirationshilfen

18. Dezember 2011 | (3) Kommentare

Bei der vorweihnachtlichen Blogwichtelaktion des Texttreffs wurde mein Blog Marketing-Coach Angela Gaida zugelost. Angela bietet Gründern und Selbstständigen Marketing-Berating, Coaching und Texte. Und heute schreibt sie von den Schwierigkeiten, Ideen zu finden. Ich freue mich sehr über ihren Beitrag, aber lest selbst:

Wenn ein Kristall entsteht, dann tut er das ausgehend von einem Punkt, dem Kristallisationspunkt. Mit Ideen funktioniert das ganz ähnlich. Sie kommen auch selten aus heiterem Himmel. Meistens entzünden sie sich an einer Kleinigkeit, einem Aspekt der betrachteten Sache.

Als ich mich zur Blogwichtelei anmeldete, war mir klar: Es wird überhaupt kein Problem sein, zu jedem x-beliebigen Blog eine Artikelidee zu entwickeln. Und sei das Blog noch so fachspezifisch. Steuerthemen? Kein Problem, da erzähle ich ein paar Schoten von meinem Steuerberater. Medizin? Ich habe reichhaltige Erfahrungen mit Ärzten und deren Wartezimmern. Sprache … ? Oh. Zunächst verschlägt es mir selbige, dann herrscht in meinem Kopf Denklähmung.

Dabei sollte gerade dieses Thema doch Stoff genug bieten. Ein riesiges Feld, mit dem ich auf die eine oder andere Art jeden Tag zu tun habe. Aber genau das ist auch die Krux: Je größer das Feld, desto schwieriger ist er zu finden, der Kristallisationspunkt für eine Idee.

Bewährte Methode: die bewusste Einschränkung.

Ich könnte das Thema Sprache zum Beispiel einschränken auf „Rechtschreibung“, und von meiner Obsession erzählen, in Speisekarten und Broschüren nach Vertippern zu suchen, deren schönster „Veranstaltung’s Möglichkeiten“ lautete, aber dann würde man mich womöglich für eine schlimme Korinthenkackerin halten, und wer möchte so schon wahrgenommen werden.

Kommissar Zufall kann man bestellen

Unser Gehirn assoziiert gerne, um Ideen zu entwickeln. Es nimmt neue Informationen und setzt sie in Beziehung zu schon Bekanntem. Die meiste Zeit passiert das automatisch, durch Zufall. Um richtig viele Ideen abseits des Gewöhnlichen zu produzieren, lade ich diesen Zufall gezielt ein, und das geht so: Ich nehme einen Stapel Karten mit den unterschiedlichsten Bildmotiven oder Worten darauf. Ich ziehe wahllos eine Karte und bringe den Inhalt in Verbindung mit dem Problem, an dem ich gerade sitze. Hervorragend eignen sich dafür übrigens die Wortspielerei-Karten aus den „Gemischtes Doppel“-Spielen.

Die Karte, die ich gerade gezogen habe, trägt den Begriff „Feuerschein“ und zeigt eine Kerze. Wir wichteln, es geht auf Weihnachten zu, es rattert in meinem Kopf: Sprache zu Weihnachten reimt sich häufig. Ich könnte ein Weihnachtsgedicht schreiben, das hätte etwas mit Sprache zu tun und wäre originell. Aber als Gastbeitrag vielleicht ein wenig dünn?

Die nächste Karte: „Schaumbaden“. Es gibt Menschen, die singen in der Badewanne. Ich könnte etwas über Songtexte schreiben, darüber sinnieren, weswegen Liedtexte auf englisch irgendwie prima klingen, und wenn man sie übersetzt, sind sie schrecklich banal. Und zugleich höre ich immer mehr richtig gute deutschsprachige Texte im Radio, mit Tiefgang und Aussage und schönem Klang. Hm. Könnte ein Thema sein, mal im Hinterkopf behalten, aber andererseits ist Musik ja auch immer so sehr eine Geschmacksfrage.

Die nächste Karte: „Pupille“. Geschriebene Sprache nehmen wir über das Auge wahr. Aber was ist mit Menschen, die nicht sehen können? Ich könnte mich ja mal mit den aktuellen technischen Möglichkeiten beschäftigen, Text in gesprochene Sprache umwandeln zu lassen. Die Stichworte Barrierefreiheit und Usability fallen mir dabei ein. Aber wird das für ein Sprachblog dann nicht zu technisch?

Warum der richtige Hut nicht nur eine Modefrage ist Was den kreativen Prozess sehr behindert, ist, zu früh den falschen Hut aufzusetzen. Die Walt-Disney-Strategie kennt drei davon:

  • den Träumer, der die Ideen produziert,
  • den Realisten, der sie prüft und umsetzt, und
  • den Kritiker, der sie in Frage stellt und Schwachpunkte aufzeigt.

Roger von Oech, der mit dem Creative Whack Pack eins meiner liebsten Kartensets zum Thema Kreativität herausgebracht hat, schlägt vier Hüte vor:

  • den Entdecker, der neue Themen erkundet und Material zum Assoziieren besorgt,
  • den Künstler, der mit diesem Material spielt und daraus Neues schafft,
  • den Richter, der die Ideen bewertet und die richtige aussucht, und
  • den Krieger, der die ausgewählte Idee umsetzt.

Beide Modelle zeigen sehr schön: Wer zu früh den falschen Hut aufsetzt, blockiert sich. In der Findungsphase für Ideen sind Träumer, Entdecker und Künstler an der Reihe. Kritiker und Richter haben da noch nichts zu suchen. Sonst passiert genau das, was mir eben passiert ist: Ich verwerfe Ideen wie das Weihnachtsgedicht, noch bevor ich mir genau angesehen habe, was sich daraus machen lässt.

Aber was schreibe ich denn nun?

Da habe ich nun eine ganze Reihe an Kreativitätstechniken, und weiß immer noch nicht, was ich zumThema Sprache schreiben soll. Hm. Ich werde wohl erst noch ein paar Karten ziehen, die richtige Idee wird schon noch dabei sein. Und bis es soweit ist, können die Leser dieses Blogs sich ja schon einmal all die anderen Wichtelbeiträge durchlesen. ;-)

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Kommentare

Das kommt mir sehr bekannt vor! Je mehr Möglichkeiten, desto schwieriger ist es, eine Idee zu finden - vermutlich haben diese Erfahrung beim Blogwichteln einige gemacht. Aber dank Dir kennen wir ja jetzt einige Krativitätstechniken, die wir beim nächsten Mal einsetzen können! ;-)

Daniela am Sonntag, 18. Dezember 2011 um 07:17 PM

Ja, mir selbst ging es auch so bei meinem Blogwichtelbeitrag. Und dabei gehört Kreativität auf Knopfdruck doch quasi zu unserem Geschäft!

Ricarda Essrich am Sonntag, 18. Dezember 2011 um 07:19 PM

Been there, done that (klingt doch besser als “Kenn ich!”).

Und manchmal hilft nur eine Geheimwaffe. Z. B. dem Mann zu erzählen, dass man als Hund etwas in das Blog einer Schreiberin historischer Romane schreiben soll. “Worauf er sagt: Geschichte? Da geht’s doch um’s Ausgraben ...” Aber nicht weitersagen ;-).

Annette Lindstädt am Sonntag, 18. Dezember 2011 um 08:07 PM

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