Ricarda Essrich

Nepper, Schlepper, Bauernfänger

oder: die dreiste Masche eines Verlages

9. September 2011 | (0) Kommentare

Schon mal drüber nachgedacht, die eigene Abschlussarbeit als Buch in der Hand zu halten? Dann sollten Sie aber das Kleingedruckte lesen! Neulich erreichte mich eine Anfrage bei Xing, ob ich meine Magisterarbeit veröffentlichen wollte. Die Anfrage kam von einem Verlag, der sich auf wissenschaftliche Arbeiten spezialisiert hat. 'Nun', dachte ich, 'das Ding ist ja schon fertig, wenn das einer verlegen will und ich damit Geld verdienen kann bzw. einen weiteren Titel auf meiner Publikationsliste habe, warum nicht?' Kurzerhand ließ ich mir weitere Informationen schicken und sendete der Dame meinerseits ein PDF der Arbeit zur Prüfung. Übers Wochenende hatte ich dann aber Gelegenheit, die Infos genauer zu studieren. Und dabei bin ich beinahe explodiert. Was der Verlag da bot, war eine bodenlose Unverschämtheit, eine regelrechte Abzocke von potenziellen Autoren. Die Aufreger im Einzelnen:

  • Der Verlag präsentiert sich als wissenschaftlicher Fachverlag mit mehr als 10.000 Neuerscheinungen pro Jahr. 10.000??? 200 pro Woche, 40 pro Werktag??? Soll das ein Qualitätsmerkmal sein? Wie will man bei der Menge an Veröffentlichungen da noch Qualität gewährleisten?
  • Sowohl auf der Website als auch in den Autoreninformationen wird immer wieder betont, dass dem Autor bei einer Veröffentlichung keinerlei Kosten entstehen. Schließlich handele es sich nicht um einen Druckkostenzuschussverlag. Dass der Autor aber auf andere Weise bezahlt, das offenbart sich weiter unten, wenn es um die Honorare geht:
  • Der Verlag zahlt eine Autorenprovision von 12 % vom Verlagserlös und rühmt sich damit, im Vergleich zu anderen Wissenschaftsverlagen damit "ein außerordentlich hohes Honorar" zu bieten. Wirklich? Aus meiner Zeit im Verlag weiß ich, dass nach Abzug aller Buchhandelsrabatte, Druckkosten, Gemeinkosten etc. selten mehr als einstellige Beträge pro Buch übrigbleiben. Bei einem Ladenpreis von 49 Euro also vielleicht 5-8 Euro? Davon erhält der Autor 12 Prozent, also wahrscheinlich nicht mehr als 1 Euro pro Buch. Für sich betrachtet schon nicht gerade üppig.
  • Dazu muss man aber noch die Konditionen zur Auszahlung des Honorars betrachten: Honorare bis zu einem Monatsdurchschnitt von 10 Euro werden als Bagatellbeträge eingestuft und einbehalten, um davon die "dauerhafte Bereitstellung der Druckdaten" zu verwalten. ??? Und was machen andere Verlage mit den Druckdaten? Löschen? Abgesehen davon, dass ich 10 Euro im Monatsdurchschnitt, also 120 Euro pro Jahr, (und die Abrechnung erfolgt immerhin einmal jährlich) keineswegs als Bagatellsumme ansehe. (Und ich weiß, wovon ich rede, schließlich habe ich schon ein Buch veröffentlicht, das mir nahezu kein Geld einbringt, und das war von deutlich mehr common interest als eine Abhandlung über altschwedische Sprichwörter).
  • Aber es kommt noch besser: Honorare, die bis zu 50 Euro im Monatsdurchschnitt betragen, werden in Form eines Büchergutscheins ausbezahlt, mit dem ich aus dem "umfangreichen Verlagssortiment" einkaufen kann. Aha. Geschenkt. De facto heißt das doch, dass ich nie eine wirkliche Honorarauszahlung sehen werde. Denn - das muss man sich mal vor Augen halten - um die 50-Euro-Grenze zu überschreiten, müssten bei einer angenommenen Autorenprovision von 1 Euro pro Buch über 600 Leute pro Jahr sich für altschwedische Sprichwörter interessieren! 6 - 0 - 0 !!! Äh, ja, eher nicht.
  • Und es kommt sogar noch besser: Der Autor verpflichtet sich, nach Akzeptieren der AGB binnen 4 Wochen eine druckfertige PDF-Datei zu liefern. Also fertig gesetzt. Das ist schlau, denn so spart der Verlag Lektorats und Satzkosten. Und nicht nur die: Außerdem muss der Veröffentlichungswillige den Klappentext selbst schreiben, Keywords liefern und das Cover selbst gestalten.

Es gäbe noch unzählige weitere Punkte in den Autoreninformationen dieses Verlags zu beanstanden. Hier wird mit der Aussicht auf den "immateriellen" Nutzen geworben, den eine Veröffentlichung haben kann. Stichworte wie Selbstmarketing und Karrierechancen fallen. Ob eine Veröffentlichung (zumal wenn es sich vielleicht um ein Thema handelt, mit dem mein jetziger Beruf rein gar nichts mehr zu tun hat), die Karriere voranbringt, mag jeder für sich selbst entscheiden. Wer glaubt schon daran, mit der Publikation seiner Diplom- oder Masterarbeit reich zu werden? Aber draufzahlen, das muss nun auch nicht sein! Also, Finger weg von solchen Angeboten!

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