Ricarda Essrich

Rezension: Der schwedisch-deutsche Businessführer

Ein Handbuch für Manager

2. Oktober 2013 | (0) Kommentare

„Wie Sie sich langfristig erfolgreiche Geschäftsbeziehungen sichern‟, so heißt es auf dem Cover. Und um Geschäftsbeziehungen zwischen Deutschen und Schweden geht es. Denn die beiden Länder, die auf den ersten Blick so nachbarschaftlich und nah scheinen, birgen doch jede Menge Potenzial für Missverständnisse und Fettnäpfchen. Oder wer hätte gewusst, dass das Schweigen eines schwedischen Geschäftspartners in einem Meeting kein Zeichen von Unwissenheit oder Verlegenheit ist, sondern einzig dazu dient, in Ruhe nachzudenken und Entscheidungen abzuwägen?

Die Autorin Ninni Löwgren leitet die Abteilung Market Entry & Business Development der Deutsch-Schwedischen Handelskammer, und sie ist Deutsche und Schwedin zugleich. Schwedische und deutsche Firmen beim Markteintritt im jeweils anderen Land zu unterstützen und zu helfen, Fehltritte zu vermeiden, ist ihr tägliches Brot. Grund genug, ihre Erfahrungen zu den kulturellen Unterschieden der beiden Nachbarländer in einem Ratgeber zu Papier zu bringen.

Zusammen mit der Deutsch-Schwedischen Handelskammer als Herausgeber hat sie Anfang 2013 den „schwedisch-deutschen Businessführer‟ herausgegeben.

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Deutsch-schwedische Handelskammer (Hg.), Ninni Löwgren: Der schwedisch-deutsche Businessführer,
FAZ Buch, ISBN: 978-3899813067, 24,90 €

Das Buch

Im Grunde kann man die Grundlage aller Schwierigkeiten zwischen Schweden und Deutschen in der doch sehr unterschiedlichen Lebensauffassung sehen. Während „der Deutsche‟ sich als einer unter mehr als 80 Mio. behaupten muss und versucht, dies durch Invididualität, Ehrgeiz und Konkurrenzdenken zu tun, ist „der Schwede‟ von einem Gemeinschaftsdenken gesteuert, das seinesgleichen sucht. Der Schweden ist Teil eines Teams und weiß, dass er nur als solcher zum Gemeinwohl beitragen kann. Nicht die individuelle Leistung zählt, sondern das wir. Und das beeinflusst die Geschäftswelt in allen Bereichen und führt gemeinhin zu Missverständnissen im Umgang mit Menschen anderer Nationalität und Mentalität. So werden Entscheidungen nur im Konsens unter allen Beteiligten gefällt; man versucht, eine Lösung zu finden, auf die alle sich verständigen können. Daher wird vorher sehr lange und sehr genau abgewogen - eine Eigenschaft, die erfolgs- und handlungsorientierte Deutsche schon mal zur Weißglut treiben kann. Ein anderes Beispiel: Versucht ein deutscher Geschäftsmann, durch Statussymbole wie große Autos etc. sein Gegenüber zu beeindrucken, wird er bei Schweden damit furchtbar anecken und die Geschäftsbeziehung alles andere als fördern. Denn der Schwede würde nie etwas tun (oder gutheißen), das ihn über seine Mitmenschen stellt oder irgendwie hervorhebt. Wie schreibt Ninni Löwgren so schön? „§ 1: Alle sind gleich. § 2: Manche sind ein bisschen gleicher. § 3: Aber im Prinzip gilt §1."

Die Gemeinschaft und das Team ist also alles in Schweden. Jeder einzelne ist ein wichtiges Element, dient dem Großen und Ganzen. Und damit er das auch lange und gerne tut, wird er umhegt und umsorgt. Arbeit und Freizeit haben in etwa einen gleichhohen Stellenwert, und lässt sich das eine vom anderen nicht mehr trennen (z.B. weil man aufgrund eines kranken Kindes früher nach Hause muss), so ist das auch kein Problem, sondern eine Selbstverständlichkeit. Für flache Organisationsstrukturen und nicht vorhandene Hierarchien sind schwedische Unternehmen weltweit berühmt. Ob dies zusammen mit dem unbedingten Konsensstreben immer unproblematisch und insbesondere im Hinblick auf ein internationale Zusammenarbeit ein Erfolgsmodell ist, darüber lässt sich sicher streiten. Auch darauf geht die Autorin ein. Innerhalb der Grenzen Schwedens funktioniert das Prinzip "Einer für alle - alle für einen" aber sehr gut.

Mein Fazit

Ein wirklich sinnvoller Ratgeber, die sich jeder, der Geschäfte mit schwedischen Unternehmen anstrebt, zu Herzen nehmen sollte. Inhaltlich wie formal ansprechend und teilweise humorvoll aufbereitet. Erfahrungsberichte von schwedischen und deutschen Unternehmern mit dem jeweiligen Gegenüber zeigen, dass Frau Löwgren nicht nur graue Theorie präsentiert.

Einziges Manko: Ich hatte beim Lesen manchmal etwas Schwierigkeiten, der Struktur zu folgen. Insbesondere nach den zahlreichen eingeschobenen Kästen fiel es mir oft schwer, den Text wieder im Kontext zu sehen. Ich hatte oft das Gefühl, der Absatz habe mit dem Kasten oder dem Absatz vor dem Kasten nicht viel zu tun. Ist aber vermutlich mein subjektiver Eindruck und mag vielleicht auch an der Konzentration gelegen haben.

Das Buch ist also meine Mindestempfehlung als Vorbereitung für den Markteintritt in Schweden. Darüber hinaus sei ihm fachkundige Beratung, wie z.B. über die deutsch-schwedische Handelskammer oder vergleichbare Verbände, wärmstens empfohlen. So geht sicher nichts schief.

P.S.: Das Buch funktioniert übrigens hervorragend in beide Richtungen, also auch für Schweden, die es mit deutschen Unternehmern aufnehmen wollen. Und eigens für sie gibt es als Einleger am Ende des Buches ein zusätzliches Heftchen, in dem die wichtigsten Punkte, die man als Schwede in Deutschland beachten sollte, auf Schwedisch zusammengefasst werden. Schöne Idee!

 

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