Ricarda Essrich

Rezension: Julia Fellinger ‒ Geschäftskultur Norwegen kompakt

22. Oktober 2014 | (3) Kommentare

In den letzten Jahren habe ich geschäftlich viel mit Norwegern zu tun. Natürlich als Fachübersetzerin für Norwegisch, also mit norwegischen Übersetzungsagenturen und Auftraggebern oder mit von mir beauftragten muttersprachlichen Übersetzern. Aber auch während meiner Festanstellung bei einem norwegischen Zulieferer für die Öl- und Gasförderung mit Düsseldorfer Dependance. Und dabei habe ich viel über die Geschäftskultur der Norweger gelernt. Und so nah uns die Skandinavier aufgrund der geografischen Nähe eigentlich scheinen, so schwierig ist es mitunter, ihre Gewohnheiten mit deutscher Geschäftskultur zu vereinbaren. Das zumindest ist meine Erfahrung.

Auch die deutsch-norwegische Handelskammer ist dieser Meinung und versucht, mit einem kleinen, kompakten Businessführer diese Hürden zwischen Deutschen und Norwegern zu überbrücken. „Geschäftskultur Norwegen‟ heißt der Band, der im Conbook Verlag erschienen ist. Conbook, das ist der Spezialist für das Interkulturelle. Wer mein Blog aufmerksam ließt, erinnert sich vielleicht an die Rezensionen zu den Fettnäpfchenführern, ebenfalls aus dem Conbook Verlag.

Die Autorin

Die Autorin Julia Fellinger lebt und arbeitet seit 2004 in Norwegen und ist für die Öffentlichkeitsarbeit der deutsch-norwegischen Handelskammer zuständig.Sie hat dort also jeden Tag nicht nur mit der norwegischen Geschäftskultur, sondern auch mit dem interkulturellen Austausch zwischen Deutschen und Norwegern zu tun. Und das merkt man bei der Lektüre des Buches. Die Autorin kennt sich aus und vermittelt anschaulich, worin denn eigentlich die Unterschiede zwischen deutscher und norwegischer Geschäftskultur bestehen und wie man diese Schwierigkeiten überwinden kann.

Das Buch

Die Unterschiede sind vor allem in der Mentalität zu finden, und das fasst der Klappentext schon wunderbar zusammen „Norweger arbeiten, um zu leben ‒ und nicht umgekehrt." Familie und Freizeit haben eine sehr viel höhere Priorität als bei uns in Deutschland (wer schonmal nach 16 Uhr versucht hat, einen Kollegen in Norwegen am Schreibtisch zu erreichen, weiß, wovon ich spreche). Hierarchiene sind eher flach und vor allem nicht sofort erkennbar. Probleme und Sachverhalte werden lange diskutiert, der gemeinsame Konsens ist wichtig. Wer schnelle Lösungen erwartet, wird oft enttäuscht. Treffen diese Maßstäbe auf deutsche Prinzipien, nach denen die Arbeit einen viel höheren Stellenwert hat, Überstunden zum guten Ton gehören, Hierarchien stark ausgeprägt sind und in der Regel schnell, schnell eine Entscheidung her muss, kommt es oft zu Konflikten, die ‒ da der Norweger an sich auch noch harmoniebedürftig und sehr höflich ist, nicht selten nur unter der Oberfläche schwelen. Nicht gerade förderlich für einen Geschäftsabschluss.

Es sind feine, aber doch wichtige Aspekte, die die norwegische Geschäftskultur von unserer unterscheiden. Julia Fellinger gelingt es gut, diese Unterschiede einander gegenüberzustellen. Hilfreich auch die zusammenfassenden Infokästen am Ende jedes Kapitels. Diesen kleinen Businessführer kann ich allen, die Geschäfte mit Norwegern machen möchten, nur wärmstens ans Herz legen.

Wenn es etwas gibt, was ich kritisieren muss, dann allenfalls der exzessive Umgang mit Fettungen im Fließtext. Wichtige Aspekte sollen so hervorgehoben werden, stören mich allerdings eher im Lesefluss und verwirren eher. Sinnvoller hätte ich da eher gefunden, mit einigen wenigen Marginalien zu arbeiten. Aber die Kapitel sind eigentlich auch angenehm kurz und sinnvoll strukturiert, da braucht es für die Auffindbarkeit der Informationen diese Hervorhebung eigentlich nicht.

Fazit

Pflichtlektüre für Unternehmen mit Geschäftsambitionen in Norwegen!

Eckdaten

Autorin: Julia Fellinger
Titel: Geschäftskultur Norwegen kompakt
Verlag: Conbook Verlag
ISBN: 978-3-943176-71-1
Preis: 11,95 €

 

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Kommentare

Danke für den Buchtipp. Habe mir das Buch gleich mal bestellt und freue mich schon auf die neuen Erkenntnisse!

Dagmar Kö am Mittwoch, 22. Oktober 2014 um 04:14 PM

Freut mich! Vielleicht magst, Du ja auch Deine Meinung dazu hier kommentieren?

Ricarda am Mittwoch, 22. Oktober 2014 um 08:01 PM

“Norweger arbeiten, um zu leben ‒ und nicht umgekehrt.” Das sollten wir auch für uns übernehmen. Danke für die Rezension =)

Ina am Samstag, 22. November 2014 um 10:16 PM

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