Ricarda Essrich

Übersetzungen transparent kalkulieren

Sind Wort- oder Zeilenpreise unehrlich gegenüber unseren Kunden?

31. Oktober 2013


Über das Kalkulieren
 

Ich werde in der Regel nach Wörtern oder Zeilen bezahlt, aber jeder Kalkulation liegt natürlich ein Aufwandsschätzung zugrunde. Ich kalkuliere, wie lange ich voraussichtlich brauchen werde, multipliziere mit meinem Mindeststundensatz (den ich also erzielen muss, um wirtschaftlich zu arbeiten) und teile das dann durch die Anzahl an Einheiten (Wörter oder Zeilen). So erhalte ich einen Wort-/Zeilenpreis, den ich meinen Kunden anbiete.


Wie ist das mit der Transparenz gegenüber den Kunden?
 

Neulich unterhielt ich mich mit einer Übersetzerkollegin über Honorare, über die Bezahlung pro Wort oder Zeile im Vergleich zu Stundenhonoraren. Ich berichtete ihr, in welcher Spanne meine damit erzielten Stundenhonorare liegen. Sie war ganz erstaunt, dass da so erhebliche Schwankungen drin sind. Sie rechne eigentlich nur nach Stunden ab, ihr Satz dafür wäre fest. Ich erklärte ihr, dass meine Honorare vor allem abhängig von der Geschwindigkeit sind (dazu habe ich hier schonmal was geschrieben), ich kann sehr schnell tippen, und wenn ich in ein Thema gut eingearbeitet bin, ist der Durchsatz an Wörtern oder Zeilen pro Stunde eben sehr hoch, ergo auch mein Stundensatz.

Da bekam sie große Augen und warf mir mangelnde Transparenz gegenüber meinen Kunden vor. Wenn ich viel weniger Zeit gebraucht habe als veranschlagt, sollte ich das doch auch an die Kunden weitergeben und entsprechend die Wort-/Zeilenpreise reduzieren. Aus dieser Sicht seien Stundenpreise doch viel transparenter, ehrlicher.

Erst war ich ziemlich perplex. Mangelnde Kundentransparenz hatte mir noch niemand vorgeworfen. Aber stimmt das denn? Bin ich unehrlich meinen Kunden gegenüber?

 

Sind Wort- oder Zeilenpreise wirklich intransparent und unehrlich?
 

Ich meine nein. Der Kunde erhält von mir ein Angebot mit einem Preis, basierend auf Wort- oder Zeilenzählung im Ausgangstext. Er weiß also in dem Moment, in dem er mir das Dokument schickt, was auf ihn zukommt. Er erklärt sich mit dem Preis einverstanden, ist bereit, genau diese Summe für diese Übersetzung zu bezahlen.

Wenn ich genauso lange brauche, wie ich vorher kalkuliert habe (und in der Regel schätze ich ganz gut, habe ich inzwischen doch ein wenig Erfahrung), sind beide Seiten zufrieden.

Wenn ich schneller bin als geplant, also einen höheren Stundensatz erziele als kalkuliert, kostet die Übersetzung den Kunden immer noch das Gleiche, nämlich die Summe, die er sich bereiterklärt hat zu bezahlen. Und ich freue mich über den lukrativen Auftrag. Nennt mich gierig, aber ich bin Unternehmerin, und ich will Geld verdienen, und wenn ich mehr verdiene, weil ich fleißiger bin, ist das schön.

Auf der anderen Seite kann ich natürlich auch danebenliegen: Das Projekt erfordert plötzlich viel mehr Recherche und Überarbeitung und am Ende bleibt von meinem schönen Stundensatz nicht mehr viel. Auch das kann passieren, das ist mein Kalkulationsrisiko, für den Kunden wird die Übersetzung trotzdem nicht teurer, nur weil ich mich verschätzt habe.

 

Ich finde, es ist sogar maximal transparent, wenn der Kunde von Projektbeginn an weiß, was an Kosten auf ihn zukommt.

Aber offensichtlich gibt es da unterschiedliche Meinungen. Wie sehen Sie das? Finden Sie Wort- oder Zeilenpreise unfair gegenüber dem Kunden? Schreiben Sie mir Ihre Meinung dazu!

 

Bild: Viktor Mildenberger  / pixelio.de

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