Ricarda Essrich

Unpünktlichkeit normal für Übersetzer?

15. Oktober 2013 | (5) Kommentare

Neulich las ich im Blog einer russischen Übersetzungsagentur einen Beitrag mit dem Titel: „How bad is a late translation delivery really?‟ Und als Browsertitel: „Expecting 100 % punctuality from a translator is unrealistic‟.

Das hat mich doch ziemlich erstaunt. Ist das so? Sind Übersetzer wirklich so schwarze Schafe, was Pünktlichkeit angeht?

Der Autor behauptet, verspätete Lieferungen seien typisch für die Übersetzungsbranche, man müsse als Kunde/Agentur sich darauf einstellen; wenn man die Gründe für die Verspätungen in Betracht ziehe, sei das ja auch nur zu verständlich.

  • Die meisten könnten sich kein externes Büro leisten, seien daher im Homeoffice tätig und da ja ständig Ablenkungen ausgesetzt. Aber da das Homeoffice ja Grund für schön niedrige Honorare sei, könne man das den Übersetzern nicht übel nehmen, das sei der Preis, den man für billige Übersetzungen zu zahlen habe. (Das lasse ich jetzt einfach mal unkommentiert stehen, schüttele nur den Kopf.)
  • Es käme ja auf ein paar Stunden nicht an, solange die Arbeit anständig erledigt wurde. Auf absolute Pünktlichkeit zu bestehen, sei eine unnötige Formalität. (Keine Formalität, sondern gutes Geschäftsgebaren.)
  • Man müsse ja immer mit Notfällen wie Computerabstürzen etc. rechnen. (Ja, da gebe ich ihm Recht, und das ist tatsächlich auch ein Grund für Verspätungen, den jeder einsehen wird.)
  • Solange der Übersetzer den Kunden entsprechend vorwarnt und klar ist, dass die Verspätung nicht aus Nachlässigkeit oder Vergesslichkeit entstanden ist, seien verspätete Lieferungen okay. Es sei ein Zeichen von Professionalität, dass der Übersetzer kommuniziert, wenn er während der Arbeit feststellt, dass der Liefertermin nicht einzuhalten ist (auch da stimme ich ihm im Prinzip zu.)
  • Stelle man fest, dass der Übersetzer rechtzeitig angefangen hat und nicht auf den letzten Drücker, könne man Verspätungen verzeihen. Zur Kontrolle sollte man sich das TM (Translation Memory) schicken lassen, da könne man die Arbeitszeit sehen. (Ja zu Punkt 1, definitiv nein zu Punkt 2. Und wenn der Übersetzer entsprechend Punkt 4 seine Verspätung ankündigt und begründet, sollten derartige Überwachungsaktionen ja auch nicht nötig sein.)

Dazu möchte ich feststellen:

a) Ich habe noch nie eine Übersetzung verspätet abgeliefert.

b) Keiner der von mir beauftragten Übersetzer hat je eine Übersetzung verspätet abgeliefert.

Geht man nochmal zu Punkt 1 zurück, wundert allerdings nicht, dass der Autor des Artikels schlechte Erfahrungen gemacht hat. Wer billige Übersetzungen einkauft, zahlt später einen hohen Preis aufgrund mangelnder Qualität und eben verspäteter Lieferungen. Professionelle Übersetzer sind sicher nicht so, haben aber eben auch ihren Preis.

Wie seht Ihr das? Habt Ihr schonmal zu spät geliefert? Und warum? Mich würde auch mal die Erfahrung deutscher Agenturen interessieren. Sind verspätete Übersetzungen Standard, oder eher die Ausnahme?

 

Bild: Wolfgang Dirscherl  / pixelio.de

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Kommentare

Und verlinkt :)

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Angelica Hagen am Dienstag, 29. Oktober 2013 um 12:02 PM

Den Artikel habe ich auch gelesen. Ich war einfach nur schockiert wie freiberufliche Übersetzer dargestellt wurden, nur damit die Agentur besser dasteht… *Kopf schüttel* Ich habe übrigens bis jetzt noch keine einzige Lieferfrist verpasst. Liebe Grüße, Iris

Iris Steiner am Dienstag, 29. Oktober 2013 um 01:25 PM

Leider werden wir nur allzu oft als unverlässlich und unpünktlich abgestempelt. Klar kann es alle heiligen drei Zeiten mal vorkommen, dass der PC abstürzt und die Lieferung verschoben werden muss, aber das ist doch nicht die Tagesordnung! Mein PC hat mich in den letzten 5 Jahren 2 Mal im Stich gelassen. So ein Notfall wird natürlich sofort mit dem Kunden abgeklärt. Dasselbe gilt für plötzliches Erkranken oder ähnliche Situationen. Ein professioneller Übersetzer hält sich grundsätzlich an die Terminvorgaben und liefert teilweise sogar etwas früher als geplant, weil er in der Angebotserstellung wahrscheinlich eine gewisse zeitliche Sicherheitsmarge einberechnet hat. Dasselbe gilt für einen guten Kunden, der nämlich auch innerhalb der vereinbarten Fristen bezahlt.
Frohes Schaffen!
Petra

Petra Haag am Dienstag, 29. Oktober 2013 um 02:01 PM

Ich war von dem Artikel auch total schockiert. Eine absolute Frechheit, uns Freiberufler alle über einen Kamm zu scheren!
Ich habe bisher ein einziges Mal einen Termin verschieben müssen, weil ein persönlicher Notfall in der Familie dazwischen gekommen ist. Ansonsten habe ich bisher alle Übersetzungen termingerecht, in vielen Fällen sogar früher geliefert.
Viele Grüße, Elisa

Elisa Wagner am Dienstag, 29. Oktober 2013 um 03:01 PM

Danke für Eure Bestätigung. Danke Petra auch für den Hinweis auf professionelle Kunden, die pünktlich zahlen. Ich erlebe auch oft, dass Kunden auf Lieferfristen pochen und hinterher nur nach mehrmaliger Aufforderung die Rechnung bezahlen.

Ricarda am Mittwoch, 30. Oktober 2013 um 10:58 AM

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