Ricarda Essrich

Von einer, die auszog, das Urlaubmachen zu lernen

2. Dezember 2014 | (2) Kommentare

Selbst und ständig, so lautet die Devise vieler Freiberufler, und ich nehme mich da nicht aus. Zu meiner Arbeit gehört es, ständig erreichbar und verfügbar zu sein. Zu meiner Freiheit als Selbstständiger gehört das dazu. Fluch und Segen zugleich. Ich bin eigentlich immer online, auch wenn ich Feierabend habe. Ich lese stündlich meine E-Mails, um im Falle eines Falles sofort reagieren zu können (und sei es nur eine kurze E-Mail: Vielen Dank für Ihre Anfrage, ich kalkuliere das Projekte und schicke Ihnen schnellstmöglich mein Angebot!). Wenn ich kein Internet verfügbar habe, bin ich unruhig. (Sind das eigentlich Anzeichen einer Suchterkrankung?)

Und dieses Verhalten betrifft nicht nur meinen Feierabend, sondern auch meinen Urlaub. Aufenthalte in meinem Ferienhaus in Schweden nenne ich inzwischen nur noch „Arbeitsplatzverlegung‟. Ich habe dort einen Internetzugang und arbeite in der Regel fast wie zu Hause auch (nur dass ich im Sommer den Tag mit einem Sprung ins Meer beginne ...). Und selbst, als ich zwei Monate mit dem Rucksack durch England tourte und Esel hütete (erinnern Sie sich noch? Hier geht's zum Beitrag.), hatte ich ein Netbook dabei. Zwar wussten meine Stammkunden, dass ich nicht verfügbar war, aber so konnte ich auf Neukundenanfragen reagieren. Und tatsächlich habe ich in der Zeit ein sehr großes Projekt für die Zeit nach der Reise an Land ziehen können. Nur in Vietnam vor 3 Jahren habe ich tatsächlich nicht mal an Arbeit gedacht.

Das alles klingt schon anstrengend, wenn ich das hier nur aufschreibe. Und das ist es auch. Und ich merke, je weniger Zeit ich mir nehme, um ganz abzuschalten, desto schwerer fällt es mir, mit dem Stress umzugehen. Gerade jetzt, wo bei mir die Hauptsaison losgeht, weil die Bauprojekte in Skandinavien für das nächste Jahr jetzt ausgeschrieben und vergeben werden und haufenweise Ausschreibungen zu übersetzen sind, kann ich mir aber nicht leisten, schlapp zu machen.

Daher war ich letzte Woche im Urlaub. 5 Tage Wien, 4 Tage Salzburg. Und vorher der lange innere Kampf, ob ich das Notebook mitnehmen soll oder nicht. Meine Projekte waren alle abgeschlossen bzw. für nach den Urlaub terminiert. Also würde ich den Rechner eigentlich nicht brauchen. Aber was, wenn DIE Anfrage schlechthin kommt und ich ein vernünftiges Angebot schreiben muss? Und überhaupt: Gönne ich mir einen Autoresponder, der meine Abwesenheit verrät und potenzielle Neukunden vielleicht verschreckt? Es war ohnehin klar, dass ich bei einem Städtetripp maximal E-Mails beantworten und Administratives erledigen konnte, aber übersetzen eher nicht.

Ich bin also mit Notebook und dem festen Vorsatz, es nicht zu benutzen, nach Wien geflogen. Was tatsächlich auch geklappt hat. Ich habe zwischendurch Kundenmails mit dem iPad beantwortet. Und natürlich kamen plötzlich Anfragen über Anfragen in mein Postfach geflattert. Aber all das ließ sich per E-Mail bewältigen bzw. auf die Woche nach meinem Urlaub verschieben. Einen Autoresponder hatte ich nicht eingerichtet; es war noch ein großes Projekt nicht entschieden. Den Zuschlag hierfür habe ich dann aber ohnehin per Telefon bekommen.

Ich fühle mich prima erholt, konnte meinen Kopf 9 Tage lang völlig anderen Dingen zuwenden (Weihnachtsmärkte, Glühwein, Punsch, Krapfen, Schnitzel ...). Die paar Mails zwischendurch haben dem keinen Abbruch getan.

Beim nächsten Mal also wirklich ohne Notebook? Mal sehen. Wie der Liebste richtig festgestellt hat: Das Problem ist in meinem Kopf. Wenn ich es da schaffe, mir Distanz zu verschaffen und Urlaub zu machen, spielt es keine Rolle, ob der Rechner im Gepäck ist oder nicht. Dafür war diese Woche jetzt schon eine gute Übung. Trotzdem bin ich fest entschlossen, zukünftig ohne Notebook zu verreisen. Aufgabe bis dahin: das iPad so einzurichten, dass ich damit mehr machen kann als nur E-Mails schreiben. Dokumente analysieren z.B., speichern, Aufträge untervergeben etc. Damit befasse ich mich dann über die Weihnachtsfeiertage bzw. zwischen den Jahren (wo ich mir übrigens frei nehmen will . wink)

Wie ist das bei Ihnen? Können Sie unbeschwert Urlaub machen und Kunden Kunden sein lassen? Oder schielen Sie auch immer nach dem nächsten Hotspot, um E-Mails abrufen zu können?

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Kommentare

Liebe Ricarda,

Danke für den schönen Beitrag!

Ich bin da ser ähnlich. Auch ich versuche mich in jeder Bar, in der ich mal kurz Rast mache, ins Wlan einzuloggen und Mails zu checken pder auf meinen Blog zu schauen, ob es einen Kommentar zu moderieren gibt.

Abschalten kann ich selten und ohne mein Smartphone fühle ich mich verloren.

Seltene Ausnahmen bestätigen aber natürlich die Regel. Wenn ich mich mental darauf einstelle, dass ich mal rin paar Stunden ohne Handy aus dem Haus gehe, geht das plötzlich. Meistens will ich das aber gar nicht.

Also auch bei mir: reine Kopfsache!

Ich verabschiede mich jetzt für 25 internetlose Stunden, während derer ich hier in Argentinien im Bus sitzen werde…

Herzliche Grüße
Barbara Riedel

Barbara Riedel am Mittwoch, 03. Dezember 2014 um 01:19 PM

Liebe Ricarda,
du sprichst mir aus der Seele. Jetzt zur Urlaubszeit wird das Thema wieder richtig aktuell. Die inneren Kämpfe, die technischen Herausforderungen – all das beschreibst du sehr treffend. Dein Beitrag ermutigt dazu, sich trotz allem Freiräume zu verschaffen. In diesem Sinne wünsche ich dir einen schönen Sommer. Beste Grüße aus Frankfurt sendet Dir Petra

Petra Wagner am Freitag, 24. Juli 2015 um 09:14 AM

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