Ricarda Essrich

Was darf man im Jugendbuch?

20. Februar 2011 | (0) Kommentare

Diese Frage stelle ich mir oft, seit ich meine erste Literaturübersetzung angefangen habe. Es handelt sich um ein Jugendbuch, geschrieben für Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren. Und es ist ziemlich derb. Oder sagen wir mal: ehrlich. Der 14-Jährige Hauptdarsteller, aus dessen Sicht das Buch auch geschrieben ist, hat nichts als Sex, Selbstbefriedigung und Alkohol im Kopf. So meint man jedenfalls. Tatsächlich steckt natürlich mehr dahinter, Trennungsängste spielen eine große Rolle, Freundschaft ist ein Thema, das Austesten von Grenzen und das Hin-und Hergerissen-Sein zwischen Gefühlen, Orten, Menschen. Beim Übersetzen stehe ich aber immer wieder vor dem Problem, entscheiden zu müssen, wie ich bestimmte Wörter übersetzen kann. Was geht, was geht gar nicht? Sind die Konventionen anders als in Norwegen, darf man dort eher derbe Wörter einstreuen als in Deutschland? Die Frage, wie man mit gewissen Themen in Jugendbüchern umgehen darf, stellte sich auch Helene Becker in ihrem Artikel "Eine Zensur gibt es nicht" im Börsenblatt. Wo sind die Grenzen dessen, was man Kindern und Jugendlichen noch zumuten darf? Sex und sicher auch Gewalt sind Themen, die Jugendliche häufig berühren, emotional und real. Doch darf man sie auch aufschreiben, in Büchern thematisieren? Oder sollte man hier zensieren und bestimmte Dinge von ihnen fernhalten? Fördert man vielleicht sogar gewalttätige Tendenzen? Helene Becker meint nein: "Diese beispielhaft genannten Romane sind vielmehr geschrieben entweder, weil sie sich mit der Dynamik und dem Wesen von Gewalt auseinandersetzen, also statt blutrünstiger Geschichten Denkanstöße geben, oder, weil es in Punkto Sexualität einfach sehr viele Fragen gibt, auf die Jugendliche heute nicht mehr nur heimlich nach Antworten im elterlichen Gesundheitslexikon suchen wollen." Dem kann ich mich nur anschließen. Sie erwähnt als beispiel Jan Guillous Adoleszenzroman "Evil", der schwedische Titel lautet "Ondskan", was "Das Böse" heißt. Es kommen heftige Gewaltszenen vor, die sogar mir als hartgesottenem Thrillerleser lange im Gedächtnis geblieben sind. Doch auch hier geht es nicht darum, die Jugendlichen zu Prügeleien anzustacheln. Es geht um Kindesmisshandlung durch die Eltern, um Mobbing, darum, erwachsen zu werden und sich gegen Angriffe zu wehren, sich durchzusetzen und zu befreien. Themen, die Gott sei Dank nicht jeden Jugendlichen unmittelbar betreffen, aber doch Realtität sind und irgendwo ihr Aufwachsen berühren. In dem Buch, das ich übersetze, ist weniger Gewalt, dafür aber vielmehr Sexualität ein Thema. Der arme Junge weiß vor lauter Hormonen gar nicht mehr wohin mit sich. Aber hej, ich vermute, so geht es Jugendlichen mit 14 nun mal. Der Autor selbst sagt auf die Frage, wieso er diesen (und 2 weitere) autobiografisch geprägte Jugendroman geschrieben hat, ihn hätten als Jugendlicher solche Bücher regelrecht provoziert, die einen stereotypen Problemjugendlichen darstellten, der mit dem echten Leben nichts zu tun hatte. So entstand die Idee für den Roman schon, als er 16 Jahre alt war. Trotzdem finde ich es schwierig zu entscheiden, wie ich manche Wörter übersetzen darf oder soll. Es gibt beispielsweise Hunderte von Bezeichnungen für das männliche Geschlechtsteil. Welche davon geht, welche nicht? Und wer entscheidet, was geht? Der Übersetzer? Der Verlag? Ich glaube, alles drei ist nicht ganz falsch. Der Verlag entscheidet, ob er das Buch publizieren will oder nicht, und das tut er - neben einer Reihe anderer Faktoren - auf der Basis des Textes bzw. des Gutachtens. Der Übersetzer muss beim Übersetzen entscheiden, wie er welche Formulierung wählt. Er kann sich zwar Ratschläge einholen und Varianten ausprobieren, aber letztlich steht nur eine Fassung auf dem Papier. Und der Leser zu guter Letzt entscheidet, ob er Passagen überspringen oder nur überfliegen will oder ob er gar das Buch beiseite legt. Wie also wähle ich für meine Übersetzung das richtige Vokabular? Ich versuche, mich in die Jugendlichen hineinzuversetzen und auszuprobieren, welche Wörter ich an ihrer Stelle akzeptieren würde, welche nicht. Ob das gelingt, aus der Sicht einer Mittdreißigerin?

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