Ricarda Essrich

Rezension: „Was übrig bleibt“ von Sigrid Combüchen

Ein Damenroman

25. Juli 2012 | (0) Kommentare

Für manche Bücher braucht man anscheinend die richtige Umgebung, um sie zu lesen. „Was übrig bleibt“ von Sigrid Combüchen war für mich ein Buch. Es lag schon eine ganze Weile auf dem Stapel zu rezensierender Bücher, und ich war auch sehr gespannt darauf. Doch die ersten Seiten zogen sich zäh dahin, ich fand nicht recht hinein in die Geschichte.
Dann fuhr ich in mein Sommerdomizil in Schweden, und dort - sozusagen in authentischer Umgebung, denn der Roman spielt in Schweden - las ich die Geschichte mehr oder weniger in einem durch.

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2 Dinge hatten mich bewogen, „Was übrig bleibt“ als Rezensionsexemplar zu erbitten: zum einen die Tatsache, dass die Übersetzung aus der Feder des geschätzten Kollegen Paul Berf stammt; zum anderen der Untertitel: „Ein Damenroman.“
Damenroman? Was soll das denn sein? Ein Wort, über das man sofort stolpert, das einen neugierig macht. Frauenroman, da weiß ja jeder, was gemeint ist. Aber ein Damenroman? Ein Roman für Damen? Oder kommen Damen darin vor?


„Ein Damenroman handelt natürlich von Kleidern und Schmuck und Aussehen und Illusionen über die Liebe“, so beschreibt es Hedda, die eigentlich Hedwig heißt.


Hedda liest in einem Roman eine Beschreibung eines Fotos, auf dem sie ihre Familie wiederzuerkennen glaubt. Sie schreibt einen Brief an die Autorin und erzählt dieser in einem Jahre dauernden Briefwechsel von ihrer Familie und ihrem Leben. Aufgewachsen als einziges Mädchen neben lauter Brüdern versucht sie sich im Schweden der Dreißigerjahre zu behaupten. Sie beginnt nach dem Abitur ein Nähereistudium in Stockholm, schlägt sich in einer fiesen Unterkunft und mit magerem Essen durch, wird selbstbewusster, verliebt sich, und gerade, als sich alles zum Guten wenden will für sie, soll sie nach Hause zurückkehren, um ihrem an Krebs erkrankten Bruder beizustehen. Dennoch geht sie ihren Weg weiter, unbeirrt und erwachsen.


Es ist ein fiktives Buch, auch wenn man durch die Nebenstränge der Erzählung, in denen die (fiktive) Autorin nach Fakten über den weiteren Verbleib Heddas und ihrer Familie forscht, den Eindruck erhält, Sigrid Combüchen selbst ließe uns Leser an ihren Recherchen für das Buch teilhaben. Das verwirrt teilweise und sind nicht gerade die Teile, die für mich den Charme des Buches ausgemacht haben. Doch Heddas Geschichte fesselt, geschrieben aus der Sicht einer Erzählerin, die schonungslos, ehrlich, direkt, doch dabei liebevoll, humorvoll und nett beschreibt. Ich musste oft schmunzeln angesichts ihrer charmanten Formulierungen, Hedda ist mir schnell ans Herz gewachsen.


„Was übrig bleibt“ - ein (übrigens mit dem Schwedischen Literaturpreis ausgezeichneter) Damenroman mit Leseempfehlung!

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