Ricarda Essrich

Wenn’s mal wieder schnell gehen muss

oder: vom Unterschied zwischen Silizium und Silikon

26. Januar 2012 | (2) Kommentare

Manchmal liegen gute und schlechte Übersetzungen so nah beieinander wie diese beiden Wörterbucheinträge:

Wir leben in einer schnellen Welt, und Bücher, von denen man noch vor Erscheinen weiß, dass sie vermutlich die Bestsellerlisten im Sturm erobern werden, müssen oft rasend schnell übersetzt werden. Denn wenn ein Autor sich über eine so berühmte Person wie Steve Jobs auslässt, will der Verlag natürlich möglichst schnell möglichst viel Geld mit dem Buch verdienen und verhindern, dass der gemeine Leser – wenn es ihm mit der deutschen Ausgabe zu lange dauert – unverschämterweise anfängt, die englische Fassung zu lesen.

Um diesem Zeitdruck gerecht zu werden, engagieren Verlage oft gleich mehrere Übersetzer, die sich das umfangreiche Machwerk teilen müssen. Das ist auch so lange kein Problem, wie die Übersetzer vernünftig aufeinander abgestimmt werden, eine gemeinsame Terminologie entwickeln, und solange am Ende jemand sitzt, der die Übersetzungen lektoriert, aus den vielen Abschnitten einen Text macht und vor allem mit wachem Auge auf Fehler schaut.

Bei der deutschen Ausgabe der Steve-Jobs-Biografie von Walter Isaacson hat man dies wohl versäumt. Wie sonst wäre zu erklären, dass der gute Mann es plötzlich nicht mehr mit Silizium, sondern mit Silikon zu tun hatte? Einer der 6 (sic!) Übersetzer ist einem sog. falschen Freund erlegen und hat silicon mit silicone verwechselt und so aus Silizium Silikon gemacht. Peinlich, peinlich, weiß doch jeder heutzutage, womit Steve Jobs berühmt wurde und wo Silikon verarbeitet wird.

Der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer e. V. Sachsen (BDÜ) hat in seiner Presseerklärung auf diesen Übersetzungsfauxpas aufmerksam gemacht und kreidet zahlreiche weitere Fehler, Bandwurmsätze und abgehackten Stil an.

Ein Fehler, ein falscher Freund, ja, das kann  mal passieren. Übersetzer sind ja auch nur Menschen, und oft hat man nach tage- und wochenlanger Arbeit am Text auch mal Scheuklappen auf und sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Aber ein schlechter Sprachstil und zahlreiche unpassende Formulierungen? Sicher, “explosive” kann mit Sprengstoff übersetzt werden. Aber unter dem Stuhl einer Lehrerin? Ich bin mir sicher, in diesem Fall wäre Jobs eher als Amokläufer berühmt geworden denn als Gründer von Apple.

Schade, wenn Tempo vor Qualität kommt. Sechs Übersetzer? Das ist ja schwieriger, als einen Sack Flöhe zu hüten! Noch dazu, wenn das Lektorat ganz offensichtlich schläft.

Was bleibt? Die Biografie im Original zu lesen. Der Autor Walter Isaacson jedenfalls soll ganz hervorragende Arbeit geleistet haben.

Übrigens: Wer sich jetzt die Biografie kauft, hat leider Pech: In der zweiten Auflage wurde das Silikon bereits in Silizium verwandelt.

 

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Kommentare

Guten Morgen,
das ist ja ein wirklich “niedlicher” Fehler. Ich denke, das hätte Steve Jobs auch wiederum amüsiert. Aber es ist trotzdem traurig. Ich denke auch, dass es gerade für Lektoren, die NICHT im Thema stecken, sehr schwer ist, ein Buch zu lektorieren und dass es da genau zu diesen Fehlern kommt. Ich finde es tröstlich, dass es auch im ganz Großen passiert, wo man doch meint, dass genug Geld da ist einen Übersetzer und Lektor mit Grundkenntnisse der Materie zu finden. Oder gibt es so etwas nicht?
Grüße von Susanne Haun

Susanne Haun am Donnerstag, 22. März 2012 um 08:15 AM

Das Geld mag vielleicht da sein, aber meistens schlicht nicht die Zeit. Wenn ich von Kollegen höre, dass sie zu dritt innerhalb einer Woche eine Biografie übersetzen mussten, wo bleibt da noch die Zeit, die eigene Übersetzung zu prüfen? Ganz zu schweigen vom Lektorat ...

Ricarda am Montag, 26. März 2012 um 06:24 PM

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